Dass Bob Dylan trotz seiner Weihnachts-CDlebendig ist und bleibt, war in der Oktober-Ausgabe des Magazins Literaturen zu lesen und zu sehen – Dylan auf der Titelseite und als 16-seitiges Schwerpunktthema im Heft: Warum er den Nobelpreis bekommen muss.
Nun, wir alle wissen, dass er wieder leer ausgegangen ist, aber es gibt ja noch ein nächstes Jahr. Und im Oktober 2010 können wir dann wieder irgendwo lesen: Bei ihm wird aus Dichtung Musik und aus Musik Poesie. Nimmt man beides zusammen, dann lässt sich die These wagen: Bob Dylan ist der einflussreichste und wirkungsmächtigste Lyriker der Moderne. Einer wie er sollte endlich den Literatur-Nobelpreis bekommen.
Mein Einfluss reicht nicht bis Stockholm, aber ich tue trotzdem, was ich kann: Am Mittwoch, 25. November, heißt es im Camillo in Görlitz wieder: Yippie, I’m a poet – Bob Dylan als Dichter.
Nein, Dylan braucht den Nobelpreis wirklich nicht, schreibt der Göttinger Literaturprofessor und Dylanologe Heinrich Detering, in Literaturen. Aber dem Nobelpreis täte Dylan gut. Es wird Zeit.
Come gather ’round people whereever you roam
don’t stand in the doorway, don’t block up the hall …
Bis Mittwoch im Camillo
UvS
PS: Ich werde natürlich nicht nur reden, sondern bringe Musik von Dylan mit, die laut iTunes für 6,7 Tage reicht …
Als Birgit und Matthias Frahnow im November 1989 im Spreewalddorf Drehnow heiraten, läuft nichts nach Plan: die Gäste übernächtigt, das Brautpaar Nebensache, doch keine Flitterwochen im FDGB-Ferienheim. Trotzdem wird das Fest für alle der schönste Tag im Leben – in der Nacht ist die Mauer gefallen. Von Uwe von Seltmann
Die Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag des Mauerfalls bekomme ich hier in Krakau nur am Rande mit. Umso mehr freue ich mich, am 12., 17. und 26. November in Dresden am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus drei Veranstaltungen zu moderieren, in denen Zeitzeugen über ihre Erlebnisse und Erfahrungen im Herbst 1989 berichten. Zu Gast sind u.a. König Kurt Biedenkopf, der Psychiater Hans-Joachim Maaz („Der Gefühlsstau“) und der sächsische Landesbischof Jochen Bohl. Nähere Informationen über Changechance1989hier.
Rechnen bis 500, Lesen nicht nötig: Tumbe Arbeitssklaven wollten die Nazis aus den Polen machen und die Bildungselite des besetzten Landes einfach ausrotten. Auch die Professoren der uralten Krakauer Uni sollten sterben – doch Hitlers Schlächter hatten den Erfindungsreichtum der Polen unterschätzt. Von Uwe von Seltmann
Bei Spiegel-Onlinemehr über dieSonderaktion Krakau, die sich am 6. November zum 70. mal jährt: Am 6. November 1939 verhafteten die Nationalsozialisten in Krakau 183 Professoren und Wissenschaftler. Die meisten der Gelehrten wurden auf internationalen Druck wieder freigelassen.
Prof. Jan Włodek (3.v.r.) mit dem späteren General Władysław Sikorsk (4.v.l.)
Prof. Maciej Starzewski (1891 bis 1944)
Dank an Franciszek Wasyl vom Archiv der Krakauer Jagiellonen-Universität und an Gabriela Maciejowska, die mich bei der Suche nach Fotos maßgeblich unterstützt haben, sowie an Jerzy Gaweł für Interview und Fotos!
… habe ich bei sonnigen 25 Grad heute wahrlich nicht. Weihnachtlich zumute wird mir auch nicht, wenn ich die ersten Töne von Christmas in the heart höre – Bob Dylans offiziell 47. Album. Am 13. Oktober wird es in den USA veröffentlicht, in Deutschland wohl schon am 9. Oktober.
Dylan and the boys could play this stuff in their sleep, and it sometimes sounds like they do, schreibt die Chicago Tribune. Sagen wir mal so: Das Gute an dem Album ist, dass er alle Erlöse an das World Food Programme der Vereinten Nationen spenden will. Für eine weiteres Urteil brauche ich wohl eine etwas heimeligere Stimmung um mich herum: Kerzen, Lebkuchen, Nebel, Schnee, Glühwein etc. … Bei der dritten Tasse Glühwein, so könnte ich mir vorstellen, würde ich das Album dann sicher richtig gut finden …
Obwohl … vielleicht auch schon vorher … Die Stimme! Es ist die Stimme … Dylan’s voice vertreibt den Kitsch aus dem Weihnachtsgrusel! Zumindest manchmal … Und außerdem spielt er Mundharmonika auf Christmas Blues … Und den Blues, den haben wir doch irgendwie alle …
Marek Edelman, der letzte überlebende Anführer des Warschauer Ghettoaufstands, ist tot. Er starb in der Nacht vom 2. zum 3. Oktober in Warschau. Am Freitag, 9. Oktober, um 11 Uhr findet am Denkmal für die Ghettohelden (Pomnik Bohaterów Getta) eine Gedenkfeier für Marek Edelman statt, zu der viele Freunde und Weggefährten erwartet werden. Anschließend gibt es einen Trauermarsch durch die ul. Anielewicza zum Jüdischen Friedhof, wo Edelman neben seinen ehemaligen Kampfgefährten begraben werden soll.
Für die heute erschienene Ausgabe der Jüdischen Allgemeine (Nr 41/2009) habe ich einen Nachruf verfasst und eine kurze Übersicht über die Reaktionen in Polen gegeben. Edelman sei mit „unglaublicher Würde“ durch die „Hölle des Holocaust“ gegangen und durch den „Schlamm der kommunistischen Diktatur“, schrieb beispielsweise Adam Michnik, Chefredakteur der Gazeta Wyborcza. Edelman – geboren 1919 oder 1922 im heute weißrussischen Gomel – war in der Tat eine beeindruckende Persönlichkeit, eine moralische Instanz und ein Vorbild in seinem lebenslangen Engagement für Schwache und Unterdrückte – es gibt niemanden, der seinen Platz einnehmen könnte.
Von 200 Familienmitgliedern blieb nur er am Leben: Der 89-jährige Jakub Müller ist der letzte Jude im südpolnischen Nowy Sącz. Im Versteck während der Nazi-Besatzung hatte er geschworen, das jüdische Erbe seiner Heimatstadt zu pflegen, sollte er überleben. Wer aber tut es nach ihm? Von Uwe von Seltmann. Hier, bei Spiegel-Online geht es weiter.
Als Bonus noch ein paar weitere Fotos – alle von Gabriela Maciejowska:
Chassidim - streng gläubige Juden - auf dem Friedhof von Nowy Sącz
Jakub Müller und ein junger Chasside aus London
Jakub Müller legt sich im Bethaus den Gebetsschal um
Angeregte Gespräche auf dem Jüdischen Friedhof von Nowy Sącz - in Jiddisch und Englisch
Jakub Müller in der Mitte
Zur Fertigstellung eines Rasthauses auf dem Friedhof, in dem die Besucher unter anderem auch ihre rituellen Reinigungen vornehmen können, fehlen Jakub Müller noch rund 45.000 Euro. Wer ihn unterstützen möchte:
Bank Pekao Nowy Sacz
Swift: PKOPPLPW
I-Ban: PL 94 1240 4748 1111 0000 4876 2542
Es grüßt aus Krakau
UvS
PS: Allen jüdischen Lesern die besten Wünsche für das neue Jahr – Schana Tova 5770!
Josef Burg, 1912 in Wishnitz geboren, war einer der beeindruckendsten Menschen, denen ich begegnet bin. Unvergessen bleiben mir die Besuche in der Wohnung des letzten der jiddischen Dichter von Czernowitz. Mit Burgs Tod am 10. August 2009 ist endgültig das alte Czernowitz erloschen – das „Jerusalem am Pruth“ gibt es nicht mehr. Jetzt bleiben nur noch die Fassaden, die von der einstigen multikulturellen Lebendigkeit des „letzten Vorpostens der k.u.k. Monarchie“ künden. Die heutigen Bewohner, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus den Weiten der Sowjetunion in die entvölkerte Stadt gezogen sind, und deren Nachkommen wissen nichts von dem reichhaltigen Literaturleben, das Czernowitz zu einem Mythos hat werden lassen: Aharon Appelfeld, Rose Ausländer, Paul Celan, Itzig Manger, Selma Meerbaum-Eisinger, Gregor von Rezzori, Moses Rosenkranz, Elieser Steinbarg und all die anderen Poeten und Literaten, die aus der Bukowinaeine Gegend gemacht haben, „in der Menschen und Bücher lebten“ (Paul Celan) – ehe sie von den Nationalsozialisten vertrieben oder ermordet wurden.
Zur Erinnerung an Josef Burg einige Fotos, die im Juli 2006 in seinem Arbeitszimmer aufgenommen wurden (alle Fotos Uwe von Seltmann):
Josef Burg am Schreibtisch in seinem Arbeitszimmer
Josef Burg beim Signieren
Josef Burg mit seinem Freund Boris Dorfman aus Lemberg
„Eine Stunde zur Nacht ist noch nicht Nacht" – das Lebensmotto von Josef Burg.
Josef Burg - ein Leben in Bildern
Es hat mich gefreut, dass Josef Burg noch im Mai der Theodor-Kramer-Preis verliehen worden ist – Burg, dem in der Sowjetunion über Jahrzehnte hinweg das Schreiben erschwert oder gar unmöglich gemacht wurde, hatte längst eine Auszeichnung verdient.
Auch wenn es abgedroschen und pathetisch klingt, aber es stimmt: Ohne Josef Burg ist die Welt ein Stück ärmer geworden. Dem kleinen Hans-Boldt-Verlag ist es zu verdanken, dass Josef Burg weiterlebt – in seinen einzigartigen Dichtungen und Miniaturen.
Wenn der Großvater ein Mörder war … Dieser Frage sind Kristine Pommert und Award-winner Michael Ford von BBC WorldService nachgegangen – hier in Krakau und speziell in unserem Viertel Kazimierz, in dem einst die meisten der rund 60.000 Krakauer Juden lebten. Das Ergebnis unserer langen Gespräche ist nun weltweit und auch hier zu hören – in einer 28-minütigen Hörfunk-Reportage.
Mein Englisch hört sich zwar an wie das von Lothar Matthäus oder Berti Vogts – but: I did it Und vor allem: Kristine and Mike did a great job!
Weitere Informationen zur BBC-Sendereihe Heart and Soulhier.
Synopsis
The Hebrew scriptures say that the sins of the fathers will be visited upon the children to the third and fourth generations.
For German journalist and writer Uwe von Seltmann, this has been a lifelong painful reality.
Challenged by an unknown Jewish man at a synagogue in Krakow in Poland, he began to research his grandfather’s Nazi past – and discovered that he had participated in one the greatest atrocities of the Holocaust.
Join Michael Ford as he discovers how Uwe has dealt with the guilt and shame handed down to him by his grandfather – and how it happened that he fell in love with Gabi, the Polish granddaughter of a man who was killed at Auschwitz concentration camp.
Uwe von Seltmann talking to Michael Ford at Remuh synagogue in Krakow, where his story began
Thank You, Kristine and Mike, for a great time together! You really have heart and soul!
UvS
Am 30. August wird in Sachsen gewählt, am 27. September finden die Bundestagswahlen statt. Ich möchte auch kommenden Generationen noch in die Augen schauen und nicht auf die Frage „warum hast du damals nichts getan?“ beschämt und schweigend zu Boden blicken.
Deutsche Rechtsextremisten und Nationalsozialisten haben schon genug Unheil angerichtet – wir sollten zeigen, dass in Deutschland für menschenverachtendes und antisemitisches Gedankengut kein Platz ist. Deshalb wähle ich eine demokratische Partei und unterstütze die Aktion Meine Stimme gegen Nazis!
Karsten Krampitz hat den Publikumspreis der diesjährigen „Tage der deutschsprachigen Literatur“ in Klagenfurt gewonnen. „Es wird kein Krampitzwunder geben“, hieß es noch im Vorfeld in einem taz-Beitrag des früheren Teilnehmers Peter Wawerzinek. Doch das Wunder ist geschehen – mit großem Vorsprung hat das Publikum für den Berliner Schriftsteller votiert. Dass Karsten keinen der Jurorenpreise bekommen würde, war absehbar: Wenn eine Jury moniert, dass ein Autor einen Text lebendig vorträgt und nicht nur vom Papier abliest, zeigt das, wie weit sie von bodenständiger und erdverbundener Literatur entfernt ist. Karsten Krampitz hat den Preis verdient, denn er ist einer der warmherzigsten und feinfühligsten Autoren deutscher Sprache – kurz: ein liebenswerter Mensch. Und er hat eine gehörige Portion Mutterwitz, die leider allzuvielen Zeitgenossen abgeht … In diesem Sinne: Weiter so, lieber Karsten!
Wer seine fesselnde Lesung in Klagenfurt noch einmal sehen und hören möchte: hier klicken.