Breslau ist Boomtown

In Breslau verbinden sich die Traditionen des Ostens und des Westens. Die Steine erzählen von der Vergangenheit und die schräge Kulturszene verkündet die Gegenwart

Mitternacht ist längst vorbei, das Thermometer zeigt minus zwölf Grad. Für die Jahreszeit ist es viel zu kalt. Doch die jungen Leute lassen sich von den eisigen Temperaturen nicht die Stimmung vermiesen. Zu Tausenden ziehen sie durch die Altstadt von Wroclaw, lachen, singen und kicken leere Bierflaschen über das Kopfsteinpflaster. Sie kommen von der Dominsel, auf der eben ein großes Open-Air-Festival zu Ende gegangen ist. Die wummernden Bässe haben die Fensterscheiben im altehrwürdigen Dom vibrieren lassen und den Touristen im nahegelegenen Hotel Tumski den Schlaf geraubt. Mit dem Festival wird in Wroclaw, das jahrhundertelang Breslau hieß, traditionell der Frühling eingerockt – und die Nacht zum Tag gemacht.

„Des is viehisch“, meint Rainer aus Ulm und schüttelt den Kopf, das einzige Körperteil, das er bewegen kann. In der Szenekneipe Pod Karambulem stehen die Gäste dicht an dicht, und von außen drängen immer noch mehr herein. Rainer, der sein Glas an die Schulter gepresst hält, ist zum ersten Mal in Wroclaw. Zwar habe er gewusst, dass Breslau eine schöne Stadt sei, sagt er, das habe ihm seine Großmutter erzählt. Aber dass „hier mehr los isch als in Berlin“, schwäbelt er, „des hätt i net denkt.“ Ja, nickt Rainers Nebenmann und grinst: „Breslau ist Boomtown“, sagt er.

Rainers Nebenmann, so stellt sich bald heraus, heißt Marek. Er sagt Breslau, nicht Wroclaw. Für ihn ist Breslau die schönste Stadt in Polen – viel schöner als Krakau. Und als Warschau sowieso. Aber Breslau habe nicht nur eine wunderbare Architektur zu bieten und eine sehr lebendige Clubszene, sondern auch ein „unglaubliches wirtschaftliches Potenzial“. 350 Kilometer bis Warschau, rechnet er vor, aber nur 250 bis Dresden und sogar nur 150 bis Görlitz. Über 130.000 Studenten – jeder fünfte Stadtbürger. 13 Hochschulen und dutzende Privatinstitute. Ehrgeizige und gebildete junge Menschen, innovativ und flexibel. Wenn Polen zur Europäischen Union gehöre, dann werde Breslau im Herzen Europas angekommen sein. Und vielleicht werde Wroclaw dann so wohlhabend werden wie einst Breslau – als es die reichste Stadt in Preußen war.

Während Marek – als Dolmetscher im Stadtmagistrat gewissermaßen beruflich zum Optimismus verpflichtet – die Zukunft in rosigen Farben malt, macht sich Janusz Witt Sorgen. „Ich fühle diese Gefahr, dass man aufpassen muss“, sagt der Germanist, der kürzlich seinen 70. Geburtstag gefeiert hat. Witt hat eine „schwere Krise“ in den deutsch-polnischen Beziehungen diagnostiziert: Im vergangenen Jahr sei die „Schönwetterperiode“ zu Ende gegangen – und das ausgerechnet kurz vor dem EU-Beitritt seines Landes. „Wir stellen plötzlich fest“, sagt der engagierte Protestant, „dass viele Polen den Deutschen nicht mehr vertrauen und die Deutschen die Polen nicht mehr verstehen.“ Sein Fazit: „Ohne Zweifel ist der deutsch-polnische Dialog schwieriger geworden.“

Die ersten Verstimmungen habe der Irak-Krieg gebracht, als sich Polen an die Seite der USA stellte, meint Witt, der auch im Ruhestand noch an einer Filiale der Breslauer Akademie für Ökonomie Seminare leitet. Als weitere Beispiele nennt er den Streit um das Zentrum gegen Vertreibungen, das Scheitern des letzten EU-Gipfels und vor allem die Gründung der Preußischen Treuhand GmbH, die in einem privatrechtlichen Prozess die Vermögensansprüche der ehemals in Polen lebenden Deutschen geltend machen möchte. „Das schürt Angst und macht böses Blut“, befürchtet Witt und weist auf das Titelblatt einer nationalkatholischen Zeitung, die der Eigentumsfrage einen großen Artikel gewidmet hat.

„Was viele Polen zum Widerspruch reizt, ist die Sorge, dass es in Deutschland zu einer Neubewertung der Geschichte kommt“, sagt Witt. „Nur noch Juden und Vertriebene werden als Opfer des Krieges wahrgenommen, während sich Polen auf der Täterliste befinden.“ Der Verlauf der Debatte sei beunruhigend: Nationalkonservative Kreise in Polen würden die Diskussion benutzen, „um Menschen, die als Brückenbauer des deutsch-polnischen Dialogs gelten, anzugreifen.“

Als Brückenbauer versteht sich auch Witt, der als Protestant einer Minderheit in Polen angehört. Nur etwa 85.000 Mitglieder zählt die evangelische Kirche in dem 38-Millionen-Einwohner-Staat. Den in Schlesien wohnenden Protestanten weist Witt eine wichtige Bedeutung zu: Sie sollen den Prozess der Versöhnung wieder beleben. „Egal ob deutscher oder polnischer Zunge: Wir können sehr gut das Leid der Menschen verstehen, die ihre Heimat verloren haben.“ Die „Tragödie der Vertreibung“ hätten beide Völker kennen gelernt und unter beiden Völkern habe es „sowohl Opfer als auch Täter“ gegeben. Witt weiß, wovon er spricht: Er wurde in Zentralpolen geboren und hat Nazi-Diktatur, Krieg und Vertreibung am eigenen Leib erlebt. „Ich bin zum Zeitzeugen geworden“, meint er und betont: „Wir wissen, dass man nicht alle Wunden heilen kann, aber entscheidend ist, dass nicht weitere gerissen werden.“

Zu einer Minderheit zählt auch der 25-jährige Student Michal. Doch er macht aus seinem Glauben keinen Hehl: Er trägt eine Kippa, ein schwarzes Käppchen, und gibt sich somit als gläubiger Jude zu erkennen. In einer Stadt wie Breslau, in der wie überall in Polen Juden zu einer winzigen Minderheit gehören, sei das nicht immer einfach, erzählt er. Ob anonyme Postkarten mit „bösen Sprüchen“ oder offene Hetze in nationalistischen Zeitungen – Michal bekommt die verschiedenen Formen des Antisemitismus zu spüren. Das sei wohl eben so, meint er und fügt später hinzu: „Aber normalerweise kann man als Jude in Polen gut leben.“

Michal gehört zu einer Generation, die sich mehr und mehr ihrer jüdischen Wurzeln besinnt. Wie viele andere junge Juden stammt er aus einem atheistischen Elternhaus, in dem der Glaube keine Rolle spielte. Die Vernichtung durch die Nationalsozialisten, die Unterdrückung der wenigen Überlebenden im kommunistischen Polen – eine Tradition war abgebrochen. Die Grundlagen des Glaubens wurden, wie fast überall in Osteuropa, nicht mehr an die nächste Generation weiter gegeben.

Wer in Breslau nach jüdischen Spuren sucht, stößt auf größere Schwierigkeiten als in Städten wie Warschau, Krakau oder Berlin. Breslau stand in seiner tausendjährigen Geschichte unter wechselnden Herrschaften, gehörte zum Deutschen Reich, ehe es nach dem Zweiten Weltkrieg als Wroclaw zur Hauptstadt der neuen polnischen Wojwodschaft Dolnoslaskie (Niederschlesien) wurde. Keine andere europäische Stadt vergleichbarer Größe hat einen ähnlich radikalen Bruch in ihrer Stadtgeschichte zu verzeichnen wie Breslau nach 1945. Innerhalb von nur drei Jahren kam es zu einem vollständigen Bevölkerungsaustausch: Die Deutschen, die den Kampf um die Festung Breslau überlebt hatten, flohen vor der sowjetischen Armee oder wurden vertrieben. Angesiedelt wurden ebenfalls Vertriebene: Polen, die aus den Gebieten stammten, die inzwischen an die Sowjetunion gefallenen waren. Die kulturelle Kontinuität war abgebrochen, und so wissen allenfalls Spezialisten, in welchem Haus vor dem Krieg ein Rabbiner lebte oder ein jüdisches Waisenhaus untergebracht war. Erst seit einigen Jahren kommt es zu einer Wiederentdeckung des jüdischen Breslau, dessen reiche Geschichte bei jungen Polen häufig Verwunderung hervorruft.

Dabei war die Stadt an der Oder, die sich über zwölf Inseln erstreckt, über Jahrhunderte hinweg eines der Zentren des mitteleuropäischen Judentums – erste urkundliche Erwähnungen lassen sich auf das 13. Jahrhundert datieren. Vor allem im 19. Jahrhundert erlebte es eine Blüte: Breslau wurde nach Berlin und Hamburg zur drittgrößten Gemeinde in Deutschland. Ihr entstammt auch der Arbeiterführer und Mitbegründer der Sozialdemokratie Ferdinand Lasalle (1825-1864), dessen Grab auf dem Alten Jüdischen Friedhof reich geschmückt ist. 1854 wurde das Jüdisch-Theologische Seminar gegründet, das weltweit als Vorbild für jüdische Ausbildungsstätten galt. Auch die Universität wurde von jüdischen Gelehrten geprägt – unter ihnen die Nobelpreisträger Fritz Haber (1868-1934) und Max Born (1882-1970). Die Nationalsozialisten zerstörten dann binnen weniger Jahre diese jüdische Welt, noch im Januar 1945 wurden die letzten der einst knapp 25.000 Breslauer Juden in Vernichtungslager deportiert. Nur 160 Juden überlebten die Shoah.

Wie viele Juden heute in Breslau wohnen, ist kaum zu sagen. Die Angaben schwanken zwischen 300 und 1.000 Familien und damit ist die Gemeinde nach Warschau die zweitgrößte in Polen. An den Gottesdiensten in der Synagoge „Unterm weißen Storch“, die im November 1998 wiedereröffnet wurde, nehmen durchschnittlich 20 bis 40 Gläubige teil, an den hohen Feiertagen sind es bis zu 200. Die koschere Küche versorgt rund 60 zumeist ältere Menschen mit Mahlzeiten, an der vor sechs Jahren gegründeten „Lauder-Etz-Chaim“-Schule werden 45 auch nichtjüdische Kinder unterrichtet. Überregional bekannt geworden ist mittlerweile der Synagogenchor, der im In- und Ausland zu Konzerten und Festivals eingeladen wird.

Als er die Geschichte der Breslauer Juden betrachtet habe, sagt Michal, da habe er die Frage nach seinen Wurzeln nicht länger verdrängen können. „Es war ein langsamer Prozess“, erinnert er sich, „bis ich gewusst habe, wer ich bin.“ Jude sei man heute nicht mehr automatisch durch die Geburt, sondern werde es erst später. „Du musst selbst herausfinden, dass du Jude bist“, betont er. Jude zu sein, heißt für Michal: an Gott zu glauben, regelmäßig zu beten und die Gottesdienste der Gemeinde zu besuchen. Und als äußeres Zeichen die Kippa zu tragen. Sich an die Speisegebote zu halten, sei dagegen kaum möglich, denn koscheres Essen sei in Breslau schwer zu bekommen. „Aber ich bin Vegetarier“, lacht er, „da habe ich damit kein Problem.“

Für Vegetarier ist der Schweidnitzer Keller nicht unbedingt ein Ort kulinarischer Genüsse. Deftige Fleischplatten werden hier serviert, das Publikum verlangt nach Wiener Schnitzel. Der Schweidnitzer Keller, der vor knapp zwei Jahren wiedereröffnet wurde, verkörpert die Tradition in Breslau: Bereits 1273 soll in dem Gewölbe Bier gezapft worden sein. Das Restaurant befindet sich im gotischen Rathaus, dem Wahrzeichen Breslaus. An seinem Eingang hängt eine Tafel mit einer Liste von deutschen und polnischen Persönlichkeiten, die dort verkehrten: Kaiser Sigismund, Gotthold Ephraim Lessing, Joseph von Eichendorff, Joséf Wibicki, Frederic Chopin, Ferdinad Lassalle, Juliusz Slowacki, Karl Eduart von Holtei, Gustav Freytag, Adolph von Menzel, Gerhart Hauptmann, Otto Müller, Hans Poelzig, Alfred Kerr, Paul Löbe. Außer dem Namen der Gaststätte – Piwnica Swidnicka – deutet hier kaum etwas darauf hin, dass Wroclaw seit fast sechzig Jahren zu Polen gehört: Die Kellner sprechen Deutsch, die Gäste sind aus Deutschland angereist, die Preise haben deutsches Niveau, der Inhaber ist ein Österreicher.

Die Gäste, die hier sitzen, wollen sich weder ins Nachtleben stürzen noch in die schräge Kulturszene eintauchen, sie wollen überhaupt nicht das moderne Wroclaw kennen lernen. Sie wollen sich von den Steinen erzählen lassen, wie es einmal war, und das alte Breslau wieder finden. Es sind so genannte Heimwehtouristen, die sich auf eine Reise in die Vergangenheit begeben und jede aufgefrischte Erinnerung mit einem „Ah“ und „Oh“ allseits kundtun. Fragt man beispielsweise Herrn Weber, einen rüstigen Mittsiebziger aus Nürnberg, was er sich angeschaut habe, kann man sich die Lektüre des Baedekers ersparen: Natürlich den Ring mit den prächtig renovierten Bürgerhäusern, das Rathaus, den Dom, die barocke Aula Leopoldina in der Universität, die Elisabethkirche mit dem Denkmal für den evangelischen Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer, die Magdalenenkirche, die Dorotheenkirche und so weiter – „alles bestens erhalten“. Die Polen seien gute Restauratoren, sagt er. Am Nachmittag stehe noch die Jahrhunderthalle auf dem Programm, die liege etwas außerhalb. Aber auch über dieses Gebäude weiß Herr Weber schon Bescheid: 1911 bis 1913 errichtet, einst die größte Kuppelkonstruktion der Welt. Und wofür wird das Gebäude heute genutzt? „Keine Ahnung“, sagt Herr Weber.

Als „Stadt der Begegnung“, in der sich die geistigen Traditionen des Osten und des Westens verbinden, hat Papst Johannes Paul II. Breslau gewürdigt. Als „Stadt der Toleranz“, in der sich „heute das Erbe der Vergangenheit mit der Modernität eines Wirtschaftswunders vereinen“, rühmt sie sich in einer Werbebroschüre selbst. Doch das neben Warschau attraktivste polnische Wirtschaftszentrum, das mit dem „niedrigsten Investitionsrisiko im ganzen Land“ wirbt, bringt auch Verlierer hervor. Die Zahl der Obdachlosen hat sich im letzten Jahrzehnt vervierfacht, etwa 2.000 sind es inzwischen. Sie werden weder von den Heimwehtouristen wahrgenommen noch von einheimischen Aufsteigern wie Marek. Aber in einem Breslauer Industriegebiet, gegenüber vom Gefängnis, können 30 von ihnen eine Zuflucht finden: im Obdachlosenasyl von Erazm Hunienny.

In Erazm, wie er von den Männern genannt wird, verbinden sich Toleranz, bürgerschaftliches Engagement und Unternehmergeist. Das Solidarnosc-Mitglied, das 1982 – während des Kriegsrechts in Polen – den Wehrdienst verweigerte und für elf Monate ins Gefängnis musste, hat 1997 eines der innovativsten Sozialprojekte in Breslau gegründet. Hilfe zur Selbsthilfe, könnte man sein Konzept überschreiben.

Wenn jemand bei Erazm um Unterstützung bittet, bekommt er gleich bei seiner Ankunft eine Frage gestellt: „Was für einen Traum hast du?“ Für die meisten ist diese Frage ungewohnt – schon lange hat sich niemand mehr für ihre Wünsche interessiert. Doch dann erzählen sie: Für eine Ausstellung zu fotografieren, den Führerschein zu machen, das Meer zu sehen. Erazm hilft ihnen, ihre Träume zu verwirklichen, aber aktiv werden müssen die Männer selbst.

Durchaus mit Erfolg: Für den Mann, der das Meer sehen wollte, hat Erazm den Kontakt zu einem Obdachlosenheim in Danzig geknüpft. Die Breslauer verbrachten dort ihre Ferien und luden ihre Gastgeber nach Breslau ein. Inzwischen ist daraus ein jährlicher Ferienaustausch entstanden. Den Großteil der Kosten erwirtschaften die Männer selbst: durch Renovierungsarbeiten in Kirchen oder Schulen. Es dürfe eben, so das Bekenntnis von Erazm Hunienny, „keine Bürger zweiter Klasse geben.“

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