Monatsarchiv: Dezember 2007

Polnische Weihnachten …

… sind zweifelsohne ein eindrückliches Erlebnis.

Letzte Vorbereitungen am Heiligabend in Kazimerz:

01.jpg Hier leben die Karpfen noch. Ob sie ahnen, welches Schicksal ihnen blüht?

02.jpg Die letzten Weihnachtsbäume warten auf einen Käufer.

03.jpg Der letzte Verkäufer wartet auf den letzten Kunden.

04.jpg … und irgendwann bleiben nur noch die Tauben, denn alle Menschen sind …

05.jpg …um den heimischen Herd versammelt. Es gibt nämlich viel zu tun …

06.jpg Zum Beispiel müssen über 200 Pierogi hergestellt werden. Es soll schließlich niemand hungern …

07.jpg … und bis der erste Stern am Himmel erscheint, muss alles fertig sein.

08.jpg Für mich die größte Herausforderung: der fünfte Gang des Menüs zu Wigilia – Karp po żydowsku.

1. Zupa Grzybowa (Pilzsuppe)
2. Kapusta z grochem (Kohl mit weißen Bohnen)
3. Barszcz z uszkami z grzybami (Rote-Beete-Suppe mit „Ohren“ (= Ravioli) und Pilzen)
4. Pierogi z kapustą smażoną (Piroggen mit gebratenem Weißkohl)
5. Karp po żydowsku (Karpfen auf jüdische Art)
6. Karp w bułce (Karpfen frittiert)
7. Apfelstrudel
8. Kompot ze suszonych śliwek (Kompot aus getrockneten Pflaumen)

09.jpg In der weihnachtlichen Stube konnte man dann neue Kräfte sammeln, um …

010.jpg … das Fest gemütlich ausklingen zu lassen.

In diesem Sinne ein Gruß aus dem Café Kolory
UvS

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Krakau zu Weihnachten …

… ist himmlisch leer.

Heute gegen Abend hätte man die Leute auf der ulica Grodzka, dem Königsweg vom Rynek zum Wawel, mit Handschlag begrüßen können. Wo man sich sonst zwischen den Touristenmassen mühsam den Weg bahnen muss, hätte man heute ein Straßenfußballturnier veranstalten können, ohne dass ein Passant den finalen Torschuss unfreiwillig zur Ecke gelenkt hätte. Der eine oder andere Elektronik-Fachmarkt hat zwar in den letzten Tagen vor dem Fest rund um die Uhr geöffnet, doch die meisten Krakauer zieht es offensichtlich nach Hause. Nach Hause, das heißt in irgendein Dorf in den Beskiden, der Hohen Tatra oder den Masuren, wo die Eltern oder Großeltern den Weihnachtsbaum schmücken. Krakau ist wie ausgestorben, und selbst die Kneipen im ehemaligen jüdischen und heutigen Szene-Viertel Kazimierz sind entweder geschlossen oder leer.

Aber manche zieht es auch nach Krakau: die Krakauer, die im Ausland leben und deren Eltern hier den Weihnachtsbaum schmücken. Am Nebentisch im Café Singer zum Beispiel sitzen zehn Personen, die sich gegenseitig unablässig mit dem Handy fotografieren und sich bei Wein, Wodka und Champagner auf das Fest des Friedens vorbereiten. Die sechs Damen sind aufgebrezelt und zeigen fajna góra, die vier Herren sind eher unscheinbar gekleidet und des Polnischen nur in den Grundkenntnissen mächtig. Die Damen reden ohne Punkt und Komma auf Polnisch, die Herren versuchen auf Englisch als common language untereinander eine Kommunikation aufzubauen. Was alle miteinander verbindet, sind die mit weihnachtlichen Motiven bedruckten Papiertaschen der Krakauer Boutiquen, die sich inzwischen stapeln. Ein einsamer Trinker klopft mit den Fingern zum Takt der Musik (Emir Kusturica) auf den Nebentisch und beobachtet die vorweihnachtliche Gesellschaft, ein Paar um die fünfzig schaut belustigt. Die beiden sind Israelis. Ich würde sie gerne fragen, warum sie ausgerechnet zu Weihnachten nach Krakau fahren, wo es mindestens zwanzig Grad kälter ist als in Tel Aviv.

Krakau zu Weihnachten ist himmlisch schön. Doch zu Wigilia, dem Heiligen Abend, werde auch ich die Stadt verlassen haben. Seit vielen Jahren werde ich mal wieder eine weiße Weihnacht erleben, dreißig Zentimeter Schnee liegen dort – in Grybów. Aber zu Silvester bin ich wieder hier – und dann wird die Stadt gewiss nicht ausgestorben sein.

In diesem Sinne: Wesolych Świąt i szczęśliwego nowego rokuEin frohes Fest und ein gesegnetes neues Jahr
UvS

PS: Cheflayouter Jens Luniak sagt immer, dass die Bilder entscheidend sind – und nicht die Worte. Deshalb hier noch ein Foto von unterwegs – auf dem Weg nach Krakau.

0.jpg Foto: Gabriela von Seltmann

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Verbietet die NPD!

Mügeln, Mittweida, Magdeburg – nach den ausländerfeindlichen Übergriffen in den vergangenen Wochen kann nun niemand mehr abwiegeln und beschwichtigen. Ja, es macht sich jeder mitschuldig, der noch immer meint, es sei doch alles nicht so schlimm. Es ist fakt: Ausländerfeindliche Übergriffe gehören inzwischen zur Tagesordnung – und das in einer Region, in der so wenige Ausländer leben, dass man fast jeden von ihnen mit Handschlag begrüßen kann. Es ist eine traurige Wahrheit, dass die meisten dieser Untaten in den östlichen Bundesländern verübt werden. Wer das weiterhin leugnet, muss sich vorwerfen lassen, sein rechtes Auge bewusst vor den Tatsachen zu schließen.

Auch wenn die mutmaßlichen oder verurteilten Täter nicht in jedem Fall einer rechtsextremistischen Organisation angehören oder Mitglied der NPD sind – die Saat der Rechtsextremisten ist aufgegangen. Offensichtlich finden sie inzwischen so viel Zustimmung in der Bevölkerung, dass – wie in Magdeburg, Mittweida und Mügeln – schaulustige Gaffer dem unseligen Treiben interessiert zuschauen. Sie haben auch von ihren Balkonen zugesehen, wie vier Neo-Nazis in Mittweida einem 17-jährigen Mädchen ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt haben, das einem Aussiedlerkind zu Hilfe eilen wollte. Oder ist inzwischen die Angst so groß, dass sich niemand mehr traut einzugreifen? Es muss niemand den Helden spielen – heutzutage hat fast jeder ein mobiles Telefon in der Tasche, um die Polizei zu rufen.

Es wäre wünschenswert, wenn die Kirchen mit dem gleichen Engagement, mit dem sie das Verbot der sonntäglichen Ladenöffnungen fordern, auch ein Verbot der NPD anstreben. Warum? Im niedersächsischen Süpplingen sitzt ein Mann im Kirchenvorstand, der zugleich Kommunalpolitiker der NPD ist. Er weigert sich, sein kirchliches Amt niederzulegen, weil die NPD „eine zugelassene und demokratische Partei“ sei.

Die NPD ist keine demokratische Partei. Die NPD war, ist und bleibt rassistisch, antisemitisch, fremdenfeindlich, antichristlich und antidemokratisch. Sie gehört verboten. Wann zeigen die Kirchen endlich Flagge?

Kommentar für die evangelische Wochenzeitung DER SONNTAG

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